Wieder zurück

Das Allererste, was uns auffiel, als wir wieder auf deutschem Boden in der Gepäckhalle des Münchner Flughafens standen, war die Stille. Gedämpfte Stimmung. Das Gepäckband lief noch nicht und außer uns waren nicht viele Leute da. „Irgendwie hatte ich das Gegenteil immer mit Bolivien verbunden“, bemerkte eine Mitfreiwillige, „Lärm und Gestank“.

Das gehörte denn auch zu den Dingen, die mir in den ersten Tagen, an denen ich wieder durch die deutschen Straßen spazierte, besonders auffielen: Ruhe, Sauberkeit und Ordnung. Da zum Zeitpunkt meiner Rückkehr noch Sommerferien waren, kam mir meine Stadt vor wie ausgestorben, verglichen mit dem quietschfidelen Santa Cruz, das nie zum Stillstand kommt. Aber sonst ist noch alles wie immer. Außer, dass plötzlich überall Baustellen sind und sämtliche Eisdielen um- oder ausgezogen sind.
Es ist ein ganz seltsames Gefühl, nach so langer Zeit wieder nach Hause zu kommen. Natürlich ist es wunderschön und ich bin sehr glücklich, wieder bei meiner Familie, meinen deutschen Freunden und all den Dingen zu sein, nach denen ich mich im Ausland oft gesehnt hatte. Aber es bleibt eben trotzdem die Wehmut im Herzen, sein ganzes Leben, das man sich ich Bolivien aufgebaut hat, zurücklassen zu müssen. Man könnte sagen, man geht wie man kommt: Mit einem lachenden und einem weinenden Auge.

Mittlerweile habe ich mich wieder ganz gut in Deutschland eingefunden. Nächste Woche steht noch das Rückkehrerseminar an und danach geht´s weiter mit Studium. Es bleibt also spannend. Aber das ist dann eine andere Geschichte.

Das Jahr Bolivien ist somit nun abgeschlossen. An dieser Stelle möchte ich noch einmal allen treuen Unterstützern danken, die mir dieses unglaublich bereichernde Erlebnis möglich gemacht und mich finanziell und moralisch unterstützt haben. Dank Euch darf ich nun auf einen manchmal nervenaufreibenden, chaotischen und arbeitsreichen, aber vielmehr lustigen, abwechslungsreichen und erfüllenden Freiwilligendienst zurückblicken. Wenn ich an die wunderschöne Zeit zurückdenke steigen mir jedes Mal die Tränen in die Augen. Aber wie meine lieben bolivianischen Mitmenschen so schön sagten:

Eso no es un adiós, sino un hasta pronto.
(Das ist kein Tschüss, sondern ein Bis Bald)

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Endspurt

Ein bisschen verspätet kommt aufgrund meiner permanent erfolglosen Kämpfe mit Internet und Technik jetzt der Bericht über meine letzten Wochen im schönen Bolivien.

Ein erster Höhepunkt war das erste Konzert mit meinem eigenen neuen Chor, das in der Biblioteca La Cuchilla stattfand. Alle waren wahnsinnig nervös, vor allem ich, angesichts der vorangegangenen Proben noch viel mehr, aber es hat alles ganz hervorragend funktioniert. Natürlich war das alles keine musikalische Höchstleistung, die geplanten zwei Stimmen fusionierten sich des Öfteren zu einer einzigen, was allerdings der Harmonie nicht immer geschadet hat. Auch von der tollen Idee des Bibliothekars, die Geigenschüler des Kulturzentrums auch in ein paar der Lieder zu integrieren stellte sich beim Anhören als nicht ganz so toll heraus, aber so ist jeder zu seinem Auftritt gekommen. Und dafür, dass meine Chorschüler jetzt gerade mal drei Monate Erfahrung haben, haben sie das echt richtig gut gemacht. Ich bin total stolz auf sie, es war ein voller Erfolg und endlich hat man mal die Früchte seiner Arbeit gesehen und nicht nur das Gefühl gehabt, sich sinnlos abzuquälen.

Eine Woche später hatten wir dann noch ein weiteres Konzert in einer naheliegenden Kirche, dass aufgrund der plötzlich eingebrochenen Kälte sehr spärlich besucht und generell ein bisschen chaotisch war (ein Kind habe ich zum Beispiel zehn Minuten vor Konzertbeginn angerufen und festgestellt, dass es unseren Auftritt einfach vergessen hatte, trotz meiner Million Erinnerungsnachrichten…). Trotzdem war es auch ganz schön und hat dazu geführt, dass die Leute aus dem Viertel das Konzept Chor ein bisschen kennengelernt haben. Die Probe darauf hatten wir einen ganzen Haufen Interessenten dastehen, die auch gerne Chor machen wollten.

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Ein bisschen anders gestalteten sich meine letzten Wochen in der Guarderia. Es kamen schon die zwei neuen Freiwilligen, die das nächste Jahr hier arbeiten werden, sodass wir plötzlich zu dritt dort arbeiteten. Dadurch wurde die Arbeit eigentlich ganz entspannt, zumal ich die vorletzte Woche komplett in der Sala der Babies verbracht habe, wo in der Regel nicht so viel passiert und das Ganze auch nicht so wild ist. Die letzte Woche war ich dann nochmal bei den großen, wir haben noch Papierhunde gemacht und Blätterdruck und wie immer war alles sehr laut und chaotisch, aber es war trotzdem schön. Mein letzter Tag war dann irgendwie auch so wie immer, der einzige Unterschied war, dass das Essen leckerer war, denn es gab Obstsalat (zum Glück ohne Gelatina, dieses eklige Glibberzeugs, dass die da sonst immer drüberkippen) und Picante de Pollo. Da haben wir uns dann mittags noch mit allen tías, den neuen Freiwilligen und der Chefin hingesetzt und das Picante gegessen. Für die Neuen das erste Mal, für mich das letzte. Die Chefin hat sich recht unspektakulär von mir verabschiedet, als würde ich am Montag wieder wie eh und je zum Arbeiten auftauchen, aber immerhin wurde mir noch eine Urkunde überreicht und bedankt hat sie sich auch zumindest kurz, in üblich charmanter Manier (hust).
Ich muss sagen, so nach einem Jahr Guarderia ist es jetzt schon ganz gut, dass es vorbei ist. Ich habe hier auf jeden Fall viel gelernt, Liebe bekommen und weitergegeben und helfen können, aber es war sehr oft auch ziemlich anstrengend und gerade am Ende ist mir jetzt auch aufgefallen, dass es schon irgendwie immer dasselbe ist. Irgendwann hat man dann halt doch mal alle Beschäftigungsideen durchprobiert und bei der Mehrzahl festgestellt, dass sie nicht so toll funktionieren, was dann auch ein bisschen zu Motivationsschwund führt. Jetzt ist es glaube ich ganz gut, dass da mal neue Leute hoffentlich neuen Schwung reinbringen. Auf jeden Fall war das Jahr wirklich schön, und jetzt am Ende war es dann eben auch einfach genug.

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Meine schönste Despedida (Verabschiedung) hatte ich am vergangenen Freitag mit dem Chor aus dem anderen Kulturzentrum, in dem ich auch Klavierunterricht gegeben habe und dem Chorleiter assistierte. Endlich hatten wir auch mit diesem Chor das seit Mai geplante und immer wieder verschobene Konzert, gerade noch rechtzeitig vor meiner Abreise. Danach wurde mir dann eine sehr hübsche Ehrentafel überreicht und wir fuhren noch gesammelt zu einem der Kinder nach Hause, wo es Choripan (bolivianische HotDogs) gab und alle noch gemeinsam ein bisschen gesungen und gefroren haben. Warum auch immer sind die letzten Tage ungewöhnlich kalt gewesen. Es war aber dennoch schön mit den ganzen Kindern und vor allem auch deren Eltern, die auch alle unglaublich süß sind, nochmal zusammenzusitzen und ich fand es sehr lieb von ihnen, extra eine Despedida für mich zu organisieren. Ich war einmal mehr von der Warmherzigkeit der Menschen hier gerührt.

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Das restliche Wochenende blieb dann noch, um mich von weiteren Freunden und Arbeitskollegen zu verabschieden und den Koffer zu packen. Das Ganze unter tristem, wolkenverhangenem Himmel.
Meine letzten Wochen in Bolivien waren insgesamt so wie das gesamte Jahr ein wunderbares Geschenk, ich blicke mit Zufriedenheit und auch ein bisschen Stolz auf die Zeit zurück, die wenn ich ehrlich bin eine der glücklichsten meines Lebens war.

Cochabamba zum Dritten

Nachdem ich die drittgrößte Stadt Boliviens bereits zweimal besucht habe, einmal um sie kennenzulernen und einmal, um an einem Farbfestival teilzunehmen, kam nun zur Krönung des Ganzen der Besuch der Fiesta de la Virgen de Urkupina. In Bolivien gibt es ja allerhand Virgenes. Im Dezember hat hier in Santa Cruz zum Beispiel die Fiesta zu Ehren der Virgen de Cotoca stattgefunden, wo wir mit Horden von mehr oder weniger frommen Pilgerern von Santa Cruz bis Cotoca gelaufen sind.

Im Grunde genommen ist es in Cochabamba genau dasselbe, nur ist die Fiesta ein bisschen größer. Am Sonntag fand ab dem Nachmittag bis spät in die Nacht in Quillacollo, dem Pilgerort, wo die Virgen de Urkupina einst auf einem Hügel erschienen sein soll, eine entrada statt, das ist so ähnlich wie ein Karnevalsumzug, mit ganz vielen Gruppen, die mit tollen Kostümen die unterschiedlichsten traditionellen Tänze durch die Straßen tanzen. Das habe ich mir natürlich nicht entgehen lassen.

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Jede Gruppe hatte vorneweg ihr eigenes Auto fahren, inklusive Virgen und allem möglichen Silberkram

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Die typischen cholitas wie sie hier vorbeitanzen laufen in La Paz tatsächlich auch so herum. In Santa Cruz ist es dafür allerdings ein bisschen heiß, drum sind die Röcke da kürzer…

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Bei der Morenada wird mit sehr aufwändigen und vermutlich auch tonnenschweren Kostümen getanzt. Der Tanzstil passt da ganz gut dazu, es gleicht einem schwerfälligen hin und her wanken.

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Tinku, mein Lieblingstanz: Knallbunte Gewänder und viel Bewegung

Am nächsten Tag gab es die Entrada dann zur Feier des Tages gleich nochmal. In Bolivianischer Manier waren bei dieser Veranstaltung alle sehr betrunken, je später, desto mehr, was für einige Koordinationsschwierigkeiten bei den Choreografien sorgte, aber trotzdem sehr lustig aussah. Mitten in der Nacht hieß es dann wieder pilgern: Ab zwölf Uhr nachts wandern die Menschen in Scharen von Cochabamba nach Quillacollo, wo sie sich dann in der Kirche und Drumherum ansammeln. Wir machten uns um halbdrei auf den Weg und kamen dann gegen sechs in Quillacollo an, es war ein unglaublicher Menschenauflauf und überall lagen schlafende Leute in Decken gewickelt auf der Straße, die Plaza hatte sich in einen Campingplatz verwandelt und an jeder Ecke konnte man Heiligenbilder, Kerzen und natürlich Essen kaufen.

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Das allerlustigste Event findet dann in den Tagen nach der sogenannten caminata, der Pilgerreise statt: Man begibt sich nun zu dem Hügel, auf dem die Virgen einst erschien und kloppt da Steine. Der halbe Berg verwandelt sich in einen Steinbruch, in dem die Menschen wie verrückt mit großen Hämmern auf die Felsen eindreschen. Der Sinn davon ist, dass man Felsbrocken abschlägt, die man dann mit Bier, Konfetti und was sonst grade noch da ist geweiht werden und die man dann mit nach Hause nimmt. Und dann muss man sie im nächsten Jahr wieder mitbringen und „zurückgeben“, das bringt dann Glück. Der ganze Hügel ist bedeckt mit Verkaufsständen, die die notwendigen Utensilien wie Tragetaschen oder Glücksamulette verkaufen.

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Zusätzlich kann man sich dann auch noch ein kleines Grundstück kaufen und da die Sachen draufstellen, für die man auch gerne Glück und Segen hätte. Zu diesem Zweck sind überall kleine Häuser, Autos, akademische Titel und alles mögliche andere erwerblich.

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Man sieht schon, das ganze ist eine sehr kommerzielle Angelegenheit, was ich ein bisschen störend fand, weil man wirklich den Eindruck hat, dieses Fest existiere hauptsächlich um daran Geld zu verdienen. Dennoch war es eine unglaublich tolle Erfahrung mit den ganzen Menschen, die da fröhlich versammelt waren, sich gegenseitig mit Bier begossen und an den Steinen herumhämmerten und -sprengten. Dazu gab es dann noch alle paar Meter eine andere Musikkombo, die traditionelle Blas- oder Gitarrenmusik zum Besten gab und natürlich wurde auch überall getanzt. So ein richtig urbolivianisches Fest, das es sich wirklich gelohnt hat, zu besuchen.

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Das Hupgesetz und andere Verkehrskuriositäten

Als mein Micro (so heißen die hier üblichen Kleinbusse) kürzlich auf dem Heimweg mal wieder um eine Kurve bog und plötzlich vor einem Lkw und einem weiteren Auto vollbremsen musste, die dahinter die Straße versperrten, ist mir mal wieder aufgefallen, das das Verkehrs- und Transportwesen in Bolivien auch zu den ganz besonderen Eigenarten dieses Landes gehören.

Dass Verkehrsregeln hier nicht besonders großgeschrieben werden fiel mir schon auf, als wir im September bei unserer Ankunft am Busterminal in Santa Cruz im Stau standen und die Fahrzeuge nach und nach alle anfingen, einfach alle zum Wenden über den Mittelstreifen zu fahren, weil sie zu ungeduldig waren bis zur nächsten Wendestelle zu warten. Und auch das an Staustellen allgegenwärtige Hupkonzert hatte ich dort schon kennengelernt. Die wichtigste Verkehrsregel scheint hier nämlich lautstark, lang und viel hupen zu sein. Direkt danach kommt dann fluchen. Alle anderen Verkehrsregeln werden eher weit interpretiert. Ist man nachts mit dem Taxi auf dem Heimweg hält der Fahrer vielleicht an 10% der roten Ampeln an. Ob es Geschwindigkeitsbegrenzungen überhaupt gibt ist fraglich. Ich hab zwar noch nie bewusst darauf geachtet, aber ich habe zumindest das Gefühl, in der ganzen Stadt noch nie irgendwo eine gesehen zu haben. Auch sonstige Verkehrsschilder sind eher rar. So kann man sich höchstens an den großen Avenidas mal eines informativen Hinweisschildes erfreuen, das Richtung und Entfernung zu Zentrum und diversen Stadtvierteln und anderen großen Straßen angibt.
Schiebt man sich durch Märkte oder den Feierabendverkehr wird man Zeuge eines lustigen Reigens aus kuriosen Spurwechseln, Vollbremsungen oder abenteuerlichen Wendemanövern. Manchmal gibt es auch noch mit Trillerpfeifen ausgestattete Hampelmänner, die glaube ich theoretisch das Ganze ein bisschen ordnen sollen, meiner Meinung nach allerdings das Chaos vervollständigen.

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Zu den Stoßzeiten schieben sich die Micros Stoßstange an Stoßstange durch die Märkte, hier zum Beispiel durch Los Pozos im Zentrum

Über das Transportwesen kann man sich hier auch ohne Unterlass wundern. Als ich neulich mit einem Haufen Kinder plus einigen Eltern von einer Bibliothek in eine andere zur Chorprobe kommen musste und dazu ein Taxi anhielt, fand der Fahrer das überhaupt nicht seltsam, als ich ihm erklärte, er müsse die ganze Horde hinter mir auch noch mitnehmen. Da standen neun Kinder und drei Mütter. Plus ich sind dreizehn Leute. Der Fahrer meinte dazu nur  „ok, dann mach ich mal den Kofferraum auf“ und so quetschten wir uns ohne weitere Umstände in den Viersitzer. Ein anderes Auto, in dem sich die restlichen Kinder tummelten, musste dann erstmal zum Reifen aufpumpen gehen, weil aufgrund der ungewohnten Last einer der Reifen ein bisschen platt geworden ist.

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Auf Bild haben sie nicht alle gepasst, ins Taxi aber schon

Ähnliche Vergnügungen können einem auch beim Microfahren auflauern. Neulich fuhr mein Bus zum Beispiel spontan kurz von der Strecke ab, um Nachtanken zu gehen. An einem anderen Tag wurde ich zusammen mit einem weitern Fahrgast abends um neun mitten im Nichts an der Strecke abgesetzt, weil der Fahrer befand, es lohne sich nicht, wegen zwei Personen bis zur Endstation zu fahren. Wir sollen bitte in den nächsten Bus steigen. Sehr unterhaltsam auch die letzte Fahrt zum Markt. Da hielt der Bus einen Moment an und plötzlich klirrte es und weg war der Außenspiegel. Wie das genau passiert ist, habe ich auch gar nicht mitbekommen, aber es muss wohl ein vorbeifahrendes Fahrzeug den Spiegel mitgenommen haben. Selbiges Fahrzeug verfolgte der Fahrer bis zur nächsten roten Ampel, wo er dann wutentbrannt von seinem Sitz aufsprang, um mit dem Täter abzurechnen, allerdings, ohne die Handbremse anzuziehen… Im letzten Moment konnte dann gerade noch verhindert werden, dass wir in das Auto hinter uns rollten. Dadurch verpasste der Busfahrer zwar die Möglichkeit, sein Problem direkt zu lösen, da die Ampel wieder grün wurde, aber mittlerweile waren auch alle Fahrgäste in heller Aufregung und schrieben das Autokennzeichen des Fahrzeugs auf und riefen durcheinander, was jetzt zu tun sei. Kurz herrschte eine sehr lustige Stimmung in dem Micro bevor dann doch wieder ganz normal die Fahrt fortgesetzt werden konnte.

Ich glaube dieses Chaos ist einer der Gründe, warum ich Bolivien so lieben gelernt habe. Natürlich ist es so wahrscheinlich alles tausendmal gefährlicher, allerdings sehe ich gar nicht so viele Unfälle wie man bei solchen Zuständen erwarten würde. Manchmal ist das natürlich (vor allem wenn man es eilig hat) sehr nervig, aber man hat auf jeden Fall immer ein Abenteuer in den Alltag integriert und langweilig wird es einem auf den Straßen auch nicht. Es bleibt allerdings zu bedenken, dass man vermutlich ohne dieses Chaos für alle Strecken nur die Hälfte der Zeit brauchen würde. Ich frage mich zum Beispiel, warum sich in so einer großen und angeblich fortschrittlichen Stadt wie Santa Cruz noch nie jemand überlegt hat, was man tun könnte, damit in der Ramada nicht immer der komplette Verkehrsterror stattfindet. So ziemlich jeder Bus, der aus Richtung Südwesten ins Stadtzentrum fährt muss sich durch diesen Ballungsraum kämpfen, einen Markt, in dem permanent ohne Vorwarnung Menschen die Straße überqueren und wo praktisch immer die Hölle los ist. Um da durch zu fahren würde man in der Theorie vielleicht drei Minuten brauchen. Es ist nämlich nicht weit. In der Realität schiebt man sich allerdings in Schrittgeschwindigkeit an den Marktbuden vorbei oder steht auch mal so fünf bis zehn Minuten einfach nur rum. Da ist mir dann mitunter auch schon der Kragen geplatzt und ich habe festgestellt, dass ich zu Fuß deutlich schneller bin. Man lernt da jedenfalls, viel Geduld und Einfallsreichtum zu haben und alles ein bisschen entspannter zu sehen.

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Auch ein alltägliches Bild: Viele Straßen sind nicht geteert und verwandeln sich bei Regen in schwer passierbare Matschpisten

Mein jüngstes Microerlebnis ging dann übrigens folgendermaßen zu Ende: Die beiden die Straße versperrenden Fahrzeuge setzten sich wie auf Kommando beide rückwärts in Bewegung, um den Weg freizumachen. Der Lkw blieb dann allerdings auf der ungeteerten Straße im Matsch stecken. Zum Glück kam zumindest das Auto so weit voran, dass wir passieren konnten und zum Glück blieben wir auch nicht selbst stecken, sodass ich ohne weitere Zwischenfälle vollends nach Hause kam.

So feiert Bolivien die Unabhängigkeit

Gerade ist der Bolivianische Nationalfeiertag, der 6. August verstrichen, was mich dazu angeregt hat, mal wieder einen kleinen Einblick in die Sitten und Bräuche Boliviens zu geben.

Zum Feiertag selbst: Gefeiert wird die Unabhängigkeit Boliviens und aus diesem Grund fanden schon seit Wochen unter anderem im Schulhof der der Guarderia angeschlossenen Schule Proben statt, in denen die Schüler sehr ausdauernd und lautstark ihre Marschrhythmen vor sich hintrommelten. Das alles diente zur Vorbereitung des Desfile, was jede Schule macht und ein kleiner Marsch zu Ehren des Vaterlandes ist. Daran nahmen wir auch mit den ältesten Kindern aus der Guarderia teil, das Ganze lief erwartungsgemäß etwas chaotisch ab, aber Dank der Anwesenheit mehrerer Eltern schafften wir es trotzdem, dass alle Kinder halbwegs in der Spur blieben. Belustigend war dann mal wieder die Tatsache, dass wir einfach los auf die Straße liefen und damit den kompletten Verkehr behinderten. In Deutschland hätte man da wohl rechtzeitig die Straße abgesperrt, in Bolivien hält das allerdings keiner für nötig. Behelfsmäßig wurde dann an einer Kurve zwar noch ein Lehrer stationiert, der irgendwelche konfusen Winksignale von sich gab, was allerdings auch nicht so viel weiterhalf. Daran stört sich dann aber auch keiner. Stattdessen verlagerte sich der Verkehr einfach für einen Moment auf die Wiese neben der Straße.

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Kleines Durcheinander auf der Straße und nebenbei auch eine prima Gelegenheit, mal unauffällig eines der Pferdefuhrwerke zu fotografieren, die hier manchmal über die Straßen brettern und meistens irgendwelche Sachen verkaufen

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Für ihren Auftritt wurden alle Kinder natürlich extra schick hergerichtet. Dafür nahmen sich die Eltern offenbar besonders viel Zeit, denn alle Kinder kamen an diesem Tag zu spät, weil sie sich so lange richten mussten.

Der nächste Desfile lief mir und meiner Mitbewohnerin zufällig am Abend über den Weg. Es müssen wohl auch Schüler gewesen sein, die mit Laternen in den Farben Boliviens ausgestattet die Straße vor unserem Haus in Beschlag nahmen, was wirklich sehr hübsch ausgesehen hat.

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Nun gut, ich muss zugeben, auf dem Foto schaut das nicht ganz so hübsch aus, hatte allerdings in dem Moment nur meine Handykamera zur Hand…

Der größte Desfile fand am Abend vor dem Feiertag statt, an diesem nahm dann die Armee und alle möglichen Funktionäre und Genossenschaften teil. Da meine Kollegen aus den Centros Culturales für die Stadt arbeiten, waren sie dann auch verpflichtet, zu diesem Desfile zu erscheinen, wobei ich sie begleitete, um da mitzumarschieren. In Wirklichkeit sah das dann allerdings eher so aus, dass die nur ihre Unterschrift abgeben wollten, um ihre Anwesenheit zu bestätigen und dann aber keinesfalls marschieren wollten. Aufgrund meiner ausdauernden Quengelei haben wir uns dann aber letztendlich doch noch in die Marschreihen eingereiht. Die ganze Veranstaltung kam mir zwar etwas lächerlich vor, denn der Hauptzweck schien mir der zu sein, Santa Cruz, seine Entwicklung und überhaupt die öffentlichen Dienste zu verherrlichen, aber es war trotzdem interessant, das mitzuerleben.

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Das Herannahen des Feiertags führte auch dazu, dass plötzlich überall Flaggen und jedes erdenkliche andere Objekt, dass sich irgendwie in Bolivienfarben färben ließ, verkauft wurden. Das ist hier bei Festen immer so. Wirklich jedes Event wird komplett kommerzialisiert. Auf der Pilgerreise nach Cotoca wurden uns im Dezember laufend Marienbilder, Rosenkränze und Kerzen angeboten, an San Juan kann man plötzlich überall Sucumbé (ein typisches Getränk) kaufen und es sind bei allen Gelegenheiten auf jeden Fall auch immer die passenden Verkäufer vor Ort. Ich konnte dann auch nicht der Versuchung widerstehen, das ein oder andere Souvenir zu erstehen, um somit auch ein Stück Bolivien mit nach Hause nehmen zu können. Denn jetzt ist es ja wirklich schon nicht mehr lange, bis ich wieder fliegen und dieses wunderbare Land verlassen muss. Bis dahin werde ich hoffentlich noch einige weitere lustige und erfreuliche Momente erleben, die mir Bolivien in guter Erinnerung halten werden.

Der lang ersehnte Chor

Nach fast vier Monaten ist mein Chorprojekt letztendlich tatsächlich in die Gänge gekommen und hier kommt heute die ganze Leidensgeschichte des selbigen.

Zunächst musste ein Klavier her. Also ein Keyboard besser gesagt, Klaviere sind hier ja eher rar und außerdem ein bisschen teuer. Da jeder Freiwillige eine bestimmte Summe an Geld vom BKHW, meiner Entsendeorganisation, zur Verfügung hat, beschloss ich, damit ein Keyboard zu kaufen. Das hat dann auch schon ganz schön lange gedauert, weil man dazu auf einen Gebrauchtwarenmarkt gehen musste, der nur Donnerstags stattfindet. Freundlicherweise erklärte sich ein Kollege bereit, den Kauf für mich zu erledigen, allerdings hätte ich das schlauer selbst gemacht, weil bis der das mal auf die Reihe bekommen hat, waren dann auch schon drei Wochen vorbei.

Das nächste Problem war dann, Leute zu beschaffen. Eigentlich hätte ich gerne mit Jugendlichen im Alter von 12-15 gearbeitet. Nachdem ich allerdings in vier Schulen und auf einer Veranstaltung der Bibliothek, in der die Proben stattfinden sollten, Werbung gemacht hatte und trotzdem pro theoretischer Probe nur zwischen null und drei Leute auftauchten, die danach dann auch nie wieder zurückkehrten, änderte ich diesen Plan. Die Unterstützung des Bibliothekars für jegliche Werbeaktion zu bekommen war übrigens sehr harte Arbeit, weil er immer viel redet und nichts macht. Ich habe zum Beispiel auch drei Wochen auf ihn eingeredet, bis er endlich ein Werbeplakat zum Aufhängen gemacht hat, das er dann allerdings nie aufhängte… Meine Flyer und Aufrufe in Facebook beschloss ich dann doch, selbst zu machen, als der Bibliothekar das bemerkt hat war er dann beleidigt. Warum ich mich denn nicht auf ihn verlassen würde, er habe mir doch gesagt, dass er sich darum kümmern werde. Selber Schuld, dachte ich mir dann nur.
Lange Zeit ließ mich auch der Chorkoordinator aus der Casa de la Cultura, der mir seine Unterstützung zugesagt hatte, im Stich. Nach mehreren verzweifelten Anrufen bekam ich dann aber irgendwie doch noch die versprochene Hilfe und das Gesangslehrerteam aus der Casa de la Cultura gingen für mich in mehrere Schulen, um audiciones zu machen. Die machen das hier irgendwie so, dass die dann in den Schulen einmal alle Kinder im gewünschten Alter vorsingen lassen und die, die die Töne halbwegs treffen, werden dann zum Chor eingeladen.

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Erster Anlauf Ende April hier noch mit den 12 bis 15-jährigen. Hat kurz etwa eine Woche lang funktioniert und dann kam wieder keiner mehr. Das Problem ist, dass man um einen Chor anzufangen schon eigentlich mindestens zehn Leute braucht, weil sich das sonst einfach nach nichts anhört und dann macht es auch nicht so viel Spaß.

Und so kam es, dass ich nach der Änderung des Alters auf 8-12 Jahre und monatelangem gegen Wände reden auf einmal eine dreißigköpfige Horde Kinder vor mir hatte. Aufgrund der audiciones hört sich unser Gesang sogar erstaunlich gut an. Es haben sich zwar auch ein paar Kinder eingeschlichen, die ziemlich schief singen, aber die werden das Tönetreffen dann hoffentlich noch lernen. Der Probenbetrieb läuft jetzt seit ungefähr Mitte Mai und nach dem ersten großen Schwung fangen die Kinder auch schon wieder an, etwas weniger zu werden, aber ich hoffe, dass es eine feste Gruppe von etwa 15-20 Kindern bleibt und einige kommen auch wirklich fast immer und sind mit viel Spaß bei der Sache. Mein Ziel ist jetzt, den Chor am Laufen zu halten und dann im August auch noch ein Konzert zu geben. Wenn meine Kleinen so weitermachen wird das bestimmt ganz toll. Und dann muss ich mir noch Gedanken machen, wer diesen Chor dann weiterleitet, wenn ich weg bin. Sehr trauriger Gedanke. Aber ich will auf keinen Fall, dass mein hart erarbeitetes Chorprojekt nach drei Monaten einfach wieder aufhört und außerdem habe ich extra dieses Keyboard gekauft und das soll da dann nicht nur in der Ecke rumliegen. Eine Klavierschülerin habe ich jetzt auch in diesem Kulturzentrum, nur kommt sie nicht allzu regelmäßig, aber das ist hier ja normal.

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Besuch von zwei Gesangslehrern aus der Casa de la Cultura, die einen kleinen Gesangsworkshop gegeben haben

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Profe Lea in Action

Meine Klavierlehrerarbeit in den beiden Bibliotheken kommt mir schon manchmal etwas sinnlos vor: Ich versuche angestrengt, den Kindern die Kunst des Klavierspielens näherzubringen, aber diese kommen nie in ihren Unterricht, üben nicht oder haben doch kein funktionsfähiges Keyboard zuhause, was eigentlich Bedingung für die Teilnahme am Unterricht ist. Und am Ende haben sie dann doch nach ein bis zwei Monaten keine Lust mehr,  was ja auch irgendwie verständlich ist, weil man sich aufgrund der Gegebenheiten ständig auf dem gleichen Niveau bewegt. Und außerdem bin ich in zwei Monaten wieder weg und dann wird es vielleicht sowieso keinen Unterricht mehr geben.
Dennoch macht es mir unglaublich viel Spaß und die Kinder beschäftigen sich wenigstens ein bisschen mit einer musikalischen Bildung, die sie sonst nicht bekommen würden, statt zuhause vor dem Fernseher zu verdummen. Und wenn auch der Klavierunterricht vielleicht dann einfach vorbei ist, geht zumindest der Chor hoffentlich noch ganz lange weiter und gibt noch vielen Kindern die Möglichkeit, sich am gemeinsamen Musizieren zu erfreuen.

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Wo der Matschpflug fährt

In Santa Cruz ist plötzlich der Winter eingebrochen. Eines schönen Maiabends fiel die Temperatur innerhalb weniger Stunden auf etwa die Hälfte und seitdem ist hier nichts mehr mit permanenter Schwitzerei. Stattdessen muss man sich plötzlich wie ein Polarforscher vermummen, um nicht zu erfrieren. Sowohl draußen als auch drinnen. Da die Häuser hier keine Heizungen haben (wozu auch, wenn es das ganze Jahr 35 Grad hat) kann man der Kälte auch kaum entfliehen, es sei denn man kuschelt sich mit drei Decken in sein Bett. Die Kinder in der Guardería kommen, wenn überhaupt, eingepackt wie Weihnachtsgeschenke mit drei bis vier Hosen und fünf Oberteilen. Mittlerweile hat es wenigstens aufgehört zu regnen. Bis vergangenen Mittwoch war etwa zwei Wochen lang permanenter Regen in unterschiedlichen Abstufungen von eklig angesagt. Bevorzugt ganz feiner Nieselregen, der alles irgendwie feucht, klamm und eklig machte und bis auf die Haut durchdrang. Immer wieder regnete es aber auch etwas kräftiger. Infolgedessen fühlten sich die eigentlich nicht so kalten zehn grad doch ganz schön eisig an, die Luftfeuchtigkeit stieg dermaßen, dass gewaschene Kleidung und gewischte Böden nicht mehr trockneten und der Weg in die Arbeit verwandelte sich in einen Hindernislauf aus Matschlöchern und Seen auf der Straße.
Das einzig Erfreuliche an diesem Wetter war, dass nur wenige Kinder in die Guardería kamen, sodass alles etwas ruhiger verlief. Zudem kamen auch alle immer viel später als sonst, was bei der Überwindung, die es kostet, sich bei dieser Kälte aus dem Bett zu Quälen, verständlich ist. Für einen Deutschen mag es lächerlich erschienen, bei acht bis zwölf Grad so ein Theater zu machen, wenn man allerdings eine Durchschnittstemperatur  von kuscheligen 33 Grad gewohnt ist, findet man das schon ganz schön frisch. Dazu kommt noch die Luftfeuchtigkeit und die Tatsache, dass es bei Kälte wirklich überall kalt ist. Nichts mit beheizten Innenräumen und Stadtbussen.
Von Schnee und Eis sind wir hier natürlich weit entfernt, belustigt beobachtete ich heute allerdings die Aufräumarbeiten eines Baustellenfahrzeugs, das mit einer großen Schippe den auf den Straßen zurückgebliebenen Matsch beseitigte. Da dachte ich mir dann auch: Wo in Deutschland ein Schneepflug vonnöten ist, braucht man hier eher einen Matschpflug.